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Josef-Haselbach-und-Brautpaar
Josef-Haselbach-und-Brautpaar

Als ich 1990 als Notlösung – infolge eines Flugzeugattentates, bei dem unser Provinzial ums Leben kam – als Guardian nach Rapperswil kam, hatte ich eben erst noch den Auftrag gefasst, «die Realisierung eines Jugendklosters vorzubereiten».

Da aber diejenigen, die immer wieder ein Jugendkloster propagierten, nicht dafür zur Verfügung standen und ich mich eher in sozial-caritativen Aufgaben sah, kam der Rat im Sommer 1991 «nach intensiver Beratung» zum Schluss, dass wir «ein Jugendkloster als selbständige Institution…. nicht verwirklichen können». Ich höre noch die Begründung: wieso Pferde vor einen Wagen spannen, wenn sie lieber etwas anderes ziehen möchten. Und so wurde der Blickwinkel geöffnet und Paul, Fridolin und ich auf die Suche «nach neuen Lebensformen» geschickt.

Da begann unser Phantasieren. Klausurtage in der wilden Abgeschiedenheit von Breno im Malcantone brachten uns auf verschiedenste, auch ausgefallene Ideen. Wir spielten in Gedanken das «Stöckli der Jungen» im Alterskloster durch. In Landwirtschaftsbetrieben sah man die Notwendigkeit, dass die neue Generation eine gewisse Selbständigkeit haben muss, weshalb der Einbau eines Stöckli mit eigenem Eingang besonders subventioniert wurde. Wieso nicht diese Weisheit aus der Gesellschaft ins Kloster übernehmen, aber einfach den wenigen Jüngeren – gegenüber den vielen Grossväter-Kapuzinern – ein Stöckli mit gewisser Selbständigkeit schaffen?

Ich selber konnte mich am meisten für die Idee einer «fliegenden Fraternität» begeistern: zu dritt, ganz franziskanisch, unterwegs, zum Teil in den Klöstern, um z.B. Engpässe infolge Krankheit oder Ferienabsenzen von Mitbrüdern abzudämpfen und zum andern Teil in sozialen Einrichtungen, um dort für Sondereinsätze zur Verfügung zu stehen. Ich redigierte bereits einen Artikel für unser internes Mitteilungsblatt. Da kam Fridolin von einem längeren Sozialeinsatz aus Deutschland zurück und fand, dass heutige Sozialarbeit vor allem auf stabilen Langzeitbeziehungen aufbauen müsse. Leider war der Artikel noch nicht im Druck, so dass wir ihn im letzten Augenblick noch zurückziehen konnten. Im Nachhinein war dann auch Br. Paul über diesen Rückzieher froh, denn das «Fliegen» der «fliegenden Fraternität» entspricht nicht ganz seinem Naturell.

So kam es, dass uns unser Auftrag konkretisiert wurde mit den bekannten Vorgaben: «in Rapperswil» – «neue Gebetsformen erproben» – «Integration in Stadt und Region» durch «Entwickeln neuer Formen franziskanischer Präsenz» – und «Aufnahme von Gästen».

Bei diesem Megapaket sinnierte ich schon, als ich das Projekt am Regionalkapitel vorzustellen hatte, über die drei Unbekannten: «wie sich die Regionalkurie in der Zukunft eines solchen Klosters sehe» – was sich je länger je mehr als brennende Frage herausstellte – «wo die Grenze des Verkraftbaren liege» – was sich in vielen, eher dunklen Einträgen in meinem Tagebuch niederschlug – und «welcher Freiraum überhaupt übrig bleibt» – da wurde dann doch noch einiges möglich.

Als Vorarbeit kündigte ich bereits einer Studentenverbindung ihr Stamm-Lokal im Einsiedlerhaus, damit es Freiraum gebe für Soziales: da übernachteten Pilger, gab es Übungsraum für eine Band und sogar eine Notschlafstelle mit abschliessbaren Fenstern für sucht- und anders gefährdete Menschen.

Um das Neue zu betonen und den Anstrich einer Kapuzinernachwuchsschmiede zu vermeiden (es hiess immer wieder «Ihr müsst ja etwas machen, damit Ihr Nachwuchs bekommt»), setzte ich mich für die Aufnahme von Frauen von Anfang an ein, obwohl man meinte: zuerst einmal mit Männern beginnen, dann kann man immer noch ausweiten! Und es meldeten sich Gäste und «Gästinnen» verschiedenster Herkunft und Alters. Ich sehe noch heute das lange Gesicht von Fridolin, als ich zufällig dabei war, als er eine Interessentin an der Pforte begrüsste, die sich älter herausstellte als die Stimme am Telefon es ahnen liess.

Eine andere Stossrichtung war, dass wir keine «Ferien im Kloster» anbieten wollten, sondern dass sich unsere franziskanische Sendung in Arbeitseinsätzen auch am Nachmittag – vor allem in sozialer Ausrichtung, wofür dann Fridolin zuständig war – wiederspiegle. Interne Highlights waren z.B. Fensterläden auffrischen – sogar unter Beteiligung externer Personen, die hier statt Knast gemeinnützige Arbeit leisten konnten, oder Estrichentwurmung, bei der wir für 10`000.00 Eigenleistung brachten. Es schien fast, je verstaubter wir vom Estrich kamen, umso aufgestellter. Da müssten noch Bilder in den Fotoalben in der Dispens vorhanden sein.

Einmal benutzte ein Gast, der bei uns Unterschlupf fand und das einzige Ziel hatte, Karatemeister zu werden, mein Fahrrad. Da ihm das – nicht abgeschlossen – gestohlen wurde und er knapp bei Kasse war, bot er sein altes, unbenutztes Kajak an. Damit eröffnete sich mir mit zwei Schritten Erholungsraum auf dem See, ja sogar einsame Zeltnächte auf der Lützelau im Winterhalbjahr oder gar ein Anstossen von Schiff zu Schiff mit einem Hochzeitspaar, das ich vorher in der Klosterkirche verheiratet hatte. Alles in allem ein reichhaltiges Geben und Nehmen – so bleiben mir die positiven Seiten von Rapperswil in Erinnerung.

Josef Haselbach

 

Erinnerungsbruchstücke vom Dreierteam

Josef Haselbach, Fridolin Wyss und Paul Mathis, wir drei, die 1992 gemeinsam mit dem Projekt Rapperswil starteten, haben uns dem Auftrag, etwas über die Anfänge zu schreiben, gemeinsam gestellt.

Wir trafen uns – ausgerechnet am Fasnachtsmontag – zu einem «Erinnerungstreffen» in Luzern. Alle drei sind wir nicht die grossen Fasnächtler, erinnerten uns aber gern an die Rapperswiler Zeit, da wir als Klostercrew zusammen mit Gästen die Pfarreifasnacht als «Sister Act» und ein andermal mit einer «Päpstinnenwahl» belebten.

Bei unserer Erinnerungssitzung haben wir viel gelacht und haben gestaunt,

wie wir die schwierigen Anfänge meisterten, wie vielfältig unsere Gast-Geschwister waren und wie enthusiastisch und kreativ wir ans Umsetzen der Vorgaben gingen: Aufnahme von Gästen – neue Verankerung in Stadt und Region – und Suchen nach neuen Gebets- und Liturgieformen.

Wir sind so verblieben, dass jeder unter (s)einem besonderen Gesichtswinkel einige Müsterchen erzählt.

 

Zum Jubiläum 25 Jahre „Kloster zum Mitleben“

1991 verwirklichten die Kapuziner in Rapperswil ein offenes Kloster zum Mitleben. Sie erprobten und verwirklichten neue Gebetsformen und öffneten das Kloster auf die Stadt und die Umgebung hin.

Es entstand das offene Kloster zum Mitleben, welches heute unter anderem auch Exerzitien, spirituelles Wandern und Meditationstage sowie geistliche Begleitung anbietet.

Im Rahmen des Jubiläums werden von Februar bis September 2017 unterschiedliche Beiträge von Beteiligten veröffentlicht. …