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Die klare Struktur der Jahresringe, geprägt von den Furchen und Spalten, die stellvertretend zu unserem Leben.
Die klare Struktur der Jahresringe, geprägt von den Furchen und Spalten, die stellvertretend zu unserem Leben.

Es zählt zur Tradition, dass Klöster Gäste aufnehmen. In der Regel wohnen diese in einem baulich von der Klostergemeinschaft separaten und getrennten «Gästetrakt».

Die Infrastrukturen sind heute vielfach so, dass sich der Gast mit seinem Feriendomizil oder der Infrastruktur der letzten «Geschäftsreise» identifizieren kann. Im Kapuzinerkloster in Rapperswil war das differenziert. Auf der selben Etage, der identische Zimmergrundriss wie die Brüderzellen. Die infrastrukturelle Identifikation. Man kann es auch mit «franziskanischer Einfachheit.» oder der Reduzierung auf das Wesentliche bezeichnen. Die Integration in den Tagesablauf der Brudergemeinschaft, mit seinem Wechsel von Kontemplation, Aktion und Reflektion. Das andere sehr prägendes Zeichen des Gästeangebots. Rückblickend für mich: Zwei wichtige Merkmale, welche prägend für den Erfolg des Angebots stehen.

Mir oblag in Rapperswil in den drei Jahren der Pfortendienst. Nach dem Empfang zeigte ich den Gästen das Zimmer. In diesen Augenblicken spürte ich die Spannung und Erwartungshaltung der Besuchenden. Das war ich mir von Woche zu Woche mehr bewusst. Auch die Gästeeinführung am Sonntag-Nachmittag gehörte oft zu meinen Aufgaben. Damit gewann ich einen guten und umfassenden Überblick darüber, weshalb die Gäste überhaupt zu uns nach Rapperswil kamen. Lebensmitte, Verlust des Partners durch Tod, Schicksal und Probleme im Beruf und insbesondere, das ist mir prägend aufgefallen, der Prozess der Pensionierung mit seiner sich gezwungenermassen aufdrängenden Auseinandersetzung eines neuen Lebensabschnitts. Prägende Motivationen.

Das hat mich in der Auffassung gestärkt, dass Religion – insbesondere in unserer verunsicherten und fragilen Gesellschaft – «Lebensbegleitung und Lebensstütze» sein soll. Etwas, das bedauerlicherweise in der Kirche heute zu oft vergessen geht.

So steht auch das beiliegende Foto: Die klare Struktur der Jahresringe, geprägt von den Furchen und Spalten, die stellvertretend zu unserem Leben – wie auch des Baumes – gehören. Letztendlich machen diese Furchen und Prägungen unser Leben lebenswert.

Ich hoffe, dass es dem Kapuzinerorden gelingt, trotz prekärer personellen Situation das Angebot in den nächsten 25 Jahren – vielleicht mit einer anderen personellen Grundlage – aufrecht und am Leben zu erhalten.

Fridolin Schwitter, „Kapuzinerbruder auf Zeit von 2010 bis 2015“

Heute: Kapuzinerinnenkloster Notkersegg, Fridolin Schwitter «frater familiaris», 9011 St. Gallen

 

Zum Jubiläum 25 Jahre „Kloster zum Mitleben“

1991 verwirklichten die Kapuziner in Rapperswil ein offenes Kloster zum Mitleben. Sie erprobten und verwirklichten neue Gebetsformen und öffneten das Kloster auf die Stadt und die Umgebung hin.

Es entstand das offene Kloster zum Mitleben, welches heute unter anderem auch Exerzitien, spirituelles Wandern und Meditationstage sowie geistliche Begleitung anbietet.

Im Rahmen des Jubiläums werden von Februar bis September 2017 unterschiedliche Beiträge von Beteiligten veröffentlicht. …