courtesy

Die Pfarrerin Cindy Gehrig hat diesen Sommer an den Meditationstagen teilgenommen. Wie die Exerzitien finden diese im durchgehenden Schweigen statt. Nun hat sie für den reformierten Kirchenboten einen Leitartikel verfasst. Dieser ist hier abgedruckt:

Schweigen

Im August habe ich einige Tage schweigend in einem Kloster verbracht – zum ersten Mal in meinem Leben. Und gegen jede Erwartung habe ich das Sprechen nicht vermisst, sondern das Lachen. Aber der Reihe nach…

Am Montag reiste ich mit kleinem Gepäck nach Rapperswil ins Kapuzinerkloster, viel brauchen würde ich in dieser Woche nicht, mich soll ja nichts ablenken, nichts aus der Stille herausholen. Neben einigen Kleidern und dem Necessaire sind noch die Bibel, ein Tagebuch, Stifte – und ja, auch das Ladekabel von meinem Handy und dasselbige mit dabei. Wir beginnen redend, sehen uns fast alle zum ersten Mal, hören die Namen und ein paar persönliche Dinge, essen gemeinsam und gehen am Nachmittag schweigend ins erste Gebet, das wir nach gut einer Stunde mit Körperwahrnehmungsübungen abschliessen. Bis zum Abendgebet haben wir Pause, es regnet und ich ziehe mich ins Zimmer zurück, das sehr einfach, aber mit allem Nötigen eingerichtet ist. Ich geniesse «das Genug» im Kloster. Es ist alles da, was man braucht, aber nicht mehr. Es befreit und vor allem hilft es dabei, dem Ewigen zu vertrauen und seine Gedanken auf ihn zu richten – im Vertrauen darauf, von ihm gehalten und getragen zu sein.

Aber gehen Sie nicht davon aus, dass es auch in mir drin still war, nur weil wir geschwiegen hätten! Gedanken können sehr laut werden. Ich bin froh, dass ich seit Jahren meditiere und mehrfach erfahren habe, das dem so ist. Alle 3.5 Sekunden blitze ein neuer Gedanke auf, sagte uns der Guardian. Bei drei Stunden meditieren am Tag macht das über 3000 neue Gedanken… und das, obwohl doch Zeiten still vor Gott, ohne das ständige Gedankenkarussell, das Ziel wären. Aber es gibt sie, diese Zeiten, in denen alles still ist, nichts mehr wichtig ist ausser dem Ganz-da-Sein in der Gegenwart Gottes. Es sind heilige, geschenkte Zeiten. Es sind kurze Momente, in denen einen die Ewigkeit besucht.

Gut vier Tage haben wir geschwiegen, versucht in der Gegenwart Gottes zu bleiben, zu spüren, wohin der Weg uns führen wird. Schweigend gegessen, schweigend unsere Aufgaben erledigt, die wir für diese Tage übernommen hatten, schweigend spazieren gegangen im Klostergarten oder auch dem See entlang. Die Stimme nur zum Gebet erhoben oder wenn ein Lied angestimmt wurde. Nach diesen vier Tagen haben wir zusammen einen Kaffee getrunken und miteinander gesprochen. Und da wurde aus dem Menschen, der mit mir durch die Stille gegangen ist, mit dem ich durch die Stille gegangen bin, eine Rheintalerin, eine Luzernerin, eine Frau aus dem Friburgischen usw. Da waren wieder Kategorien, die es einige Tage nicht gab. Auch schön, aber anders. Und was haben wir gelacht während dieser Kaffeepause! Herzlich, frisch und mit einer unglaublich grossen Lebendigkeit. Wir sind wieder bereit für das Aussen, für Begegnungen, für Sprache, denn wir hatten unserem Innern, unserer Gottesbeziehung, Sorge getragen. Es braucht sie, diese Inseln im Alltag, und es müssen nicht immer ganze Tage sein. Zeiten, in denen es nur Gegenwart gibt, keine Vergangenheit und keine Zukunft, das sind Zeiten des Ewigen.

Cindy Gehrig

 

Hier geht es zum PDF des Kirchenbotens 17/1