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Drei Monate lang kann ich nun tatsächlich den Alltag hinter mir lassen. Es hat geklappt, eine Auszeit zu nehmen. Beim Gedanken, wie erlange ich den nötigen Abstand, komme ich zur Ruhe und finde ich Stille, kam mir immer wieder ein Aufenthalt im Kloster in den Sinn.

Warum eigentlich? Spontan kann ich dazu für mich drei Gründe nennen:

Eine Klostergemeinschaft ist eine andere Form von Zusammenleben im Vergleich zu einer Familie in der ich lebe, aber ebenso alt und bewährt.

Das Christentum und eben auch Klöster gehören zu meinem Kulturkreis und sind mir näher als fernöstliche Alternativen.

Klöster sind nach meinem laienhaften Wissen unabhängig und verfügen über Handlungsspielräume, handeln eigenverantwortlich (was mir immer gut gefällt) im Vergleich zur Institution Katholische Kirche, die starr und hierarchisch daherkommt.

Ich wollte also in so einer Gemeinschaft für eine gewisse Zeit mitleben. Es sollte unbedingt authentisch sein. Also ohne Programm oder Ausnahmen vom Tagesablauf für Gäste, denn natürlich war ich neugierig, wie sich ein Leben im Kloster anfühlt. Bei meinen Recherchen bin ich sehr bald auf das Kapuzinerkloster Rapperswil gestoßen und immer wieder darauf zurückgekommen. Nach kurzer Überlegung meldete ich mich für eine Woche im März an und war sehr überrascht wie unkompliziert das Telefongespräch mit Bruder Paul verlief.

Ich hatte keinerlei Vorstellungen was mich in dieser Woche erwarten würde und war offen für alles was da auf mich zukommen sollte. Nur das Ziel war klar: Ruhe, mehr Aufmerksamkeit und damit den nötigen Abstand zu meinem Alltag herstellen!

An einem grauen Sonntag am Nachmittag kam ich in Rapperswil an. Es war kalt, der Winter wollte noch nicht gehen, tief hingen die Wolken über dem Zürichsee. Um 16:00 sollte man sich im Kloster einfinden. Ich war etwas zu früh und schlich, da ich nicht unhöflich sein wollte, noch eine halbe Stunde um die Klostermauern, die auch ziemlich grau und nicht sehr einladend wirkten.

Bruder Paul eilte mir entgegen in der Annahme, dass ich auf der Suche nach der Pforte sei. Das fand ich schon sehr fürsorglich. Einmal durch die Klosterpforte geschritten, umfing mich eine warme, ruhige und doch heiter entspannte Atmosphäre. Schwester Ursula hatte Pfortendienst und begrüßte mich herzlich. Bruder Paul führte mich zu meinem Zimmer und erklärte kurz das Notwendigste, dann war er gleich wieder weg und ich stand da in einem gemütlichen Zimmer mit herrlichem Blick auf den See und konnte es gar nicht glauben, da ich mir eine kalte karge Zelle vorgestellt habe. Warum hat man immer solche Bilder im Kopf?

Dann hörte ich auch noch „Engelsmusik“, Schwester Ursula übte auf der Querflöte, nein, sie spielte wunderschön; von üben kann keine Rede sein, wie sich später herausstellte.

 

Ein Empfang für alle Sinne.

Für die kommenden sieben Tage gab es einen genauen Zeitplan mit Einträgen wann gegessen, gebetet und gearbeitet wird. Ebenso Zeiten der Stille und ein paar weitere Termine waren wie in einem Schulstundenplan eingetragen. So stand als nächstes das Einführungsgespräch und der Rundgang durchs Kloster an. Hier gibt es alles, was man auch zu Hause finden würde, bis auf den Gebetsraum, Bibliothek (meine ist etwas kleiner, auch inhaltlich liegt der Schwerpunkt anders…) und die Kirche. Wir waren nur zwei Gäste und fühlten uns irgendwie exklusiv.

Das erste Abendgebet: Hier sah ich nun alle Schwestern und Brüder zum ersten Mal. Zu meinem Erstaunen waren die Schwestern und Brüder ganz normal gekleidet: Jeans, karierte Hemden, roter Pullover…

 

Der Gebetsraum hinter dem Chor ist sehr harmonisch gestaltet, für Meditation und Kontemplation. Sogar ein Meditationsstockerl gibt es und der Raum ist beheizt. Jeder hat seinen festen Platz, alles was benötigt wird, wie Liedertexte und Gebetbuch, liegt bereit. Wie sich später herausstellt, handelt es sich um ein festes Ritual, das die Kapuziner von Rapperswil aber speziell für sich und ihre Bedürfnisse gestaltet haben. Es wird kurz gesungen, es gibt immer wunderbare Musik (Bruder Adrian steuert alles von seinem Tablet aus), ein Auszug aus einem Psalm wird vorgelesen, die Glocken werden geläutet und meditiert, am Abend und in der Früh dreißig Minuten lang, beim Mittags- und Nachtgebet ca. zehn Minuten. Diese Fixpunkte im Tagesablauf habe ich unendlich schätzen gelernt und mich auf jeden einzelnen gefreut. Nur eines brachte mich etwas unter Druck, ich wollte unter keinen Umständen zu spät kommen, daher war der obligatorische Wecker im Zimmer ein Segen.

Was kann es Besseres geben in Anschluss an das Nachtgebet, das in der kleinen Kirche hinter dem Altar stattfand und für die Gemeinde offen ist, bei Kerzenschein der wunderbaren Musik und dem schönen Gesang der Schwestern und Brüdern zu lauschen, dann zehn Minuten in sich zu kehren und mit „Gutenachtwünschen“ von lieben Mitmenschen, schlafen zu gehen … Labsal für die Seele.

 

Ein weiterer täglicher Höhepunkt war das gemeinsame Essen im Refektorium. Es gibt keine Sitzordnung, wie man kommt, so wird an der langen Tafel Platz genommen. Das ist sehr schön, denn auf diese Art und Weise hatte ich im Laufe der Zeit Kontakt mit allen und lernte so die Menschen ein bisschen kennen. Das Essen ist wunderbar, es gibt Wein, Wasser und Apfelsaft.

Alles hat seine angenehme Ordnung und einen bestimmten Ablauf. Nichts wird hektisch verrichtet, es ist genügend Zeit zum Reden, über wirklich alles, es wird gelacht oder kritisch zB über einen aktuellen Film „Maria Magdalena“ diskutiert. Anschließend wird gemeinsam abgeräumt und die Küchenarbeit verrichtet. Die Aufgaben sind verteilt, jeder weiß was zu tun ist und alles wird in einer heiteren Atmosphäre erledigt. In kürzester Zeit ist das Geschirr gespült, alles blitzblank und verräumt. Die Küche ist übrigens modernst ausgestattet, es gibt einfach alles, was man in einer professionellen „Sterneküche“ auch finden würde.

Nach dem Mittagessen gibt es Kaffee in schönen Kaffeegläsern und man setzt sich nochmals zusammen und redet über dies und das.

Mir fällt auf, es gibt nie eine Nachspeise, nichts Süßes. Nach vorsichtigem Nachfragen, klärt mich Schwester Ursula auf, wir haben doch Fastenzeit!! Pech gehabt, aber ich versorge mich im örtlichen Supermarkt mit der köstlichen Schweizer Schokolade, der Suchtfaktor ist hoch.

Hinter der Küche gibt es einen kleineren Raum, Dispens genannt, Treffpunkt für die tägliche Arbeitsverteilung am Vormittag oder gemütliches Zusammensein am Abend. Hier kann man sich nach Bedarf mit Kaffe oder Getränken versorgen. Es ist wirklich an alles gedacht.

Vom Refektorium aus sind legendäre Sonnenuntergänge zu beobachten, sagt mir Bruder Karl, der für die offizielle Dokumentation des Klosterlebens zuständig ist (Chronist mit Leidenschaft zur Fotografie). Tatsächlich komme ich an zwei Abenden in den Genuss und halte den Augenblick fest.

 

Ein spezieller Programmpunkt für Gäste ist der Wüstentag (Oasentag). Die Gäste werden nach dem Morgengebet, versorgt mit einem Rucksack, Brot, Obst, Käse und Tee, und für einen ganzen Tag quasi vor die Klostertür gesetzt. Ziel ist es durch Wandern zu sich zu finden, sich körperlich zu spüren, seinen Gedanken nachzuhängen und dadurch „sich auf die Schliche zu kommen“ wie Bruder Adrian es nennt, der eine kleine Einführung mit uns machte und nach der Rückkehr unsere Erfahrungen besprochen hat.

Anfänglich sah es wettertechnisch nicht so optimal aus, die Wolken hingen wieder tief, egal, los geht’s. Ich beschloss in die Weinberge zu gehen, eigentlich ohne Ziel, nur die ungefähre Richtung im Kopf. Es wurde ein strahlend schöner Tag, die Sonne schien, der See glitzerte und ich genoss die Natur in vollen Zügen.

 

War aber dadurch ziemlich abgelenkt von mir und dem eigentlichen Sinn der Wanderung, denn es gab so viel zu bestaunen wie die feinsäuberlich geschnittenen Weinstöcke, die tollen Architektenhäuser, die Ausblicke auf See und Berge und immer wenn ich dachte jetzt wäre ein Päuschen schön, tauchte eine Bank auf und lud mich ein Platz zu nehmen. Ich war mir nicht auf die Schliche gekommen, war aber voll Zuversicht und Freude am Leben den ganzen Tag unterwegs.

Ein sehr unerwartet intensives Erlebnis war eine Eucharistiefeier im ganz kleinen Rahmen in der schönen kleinen Kirche des Klosters. Bruder Remigi hat sie gestaltet, so persönlich, ich war tief berührt, denn ich bin nicht religiös und nehme selten an Gottesdiensten teil, auch weil die Rituale so austauschbar und unpersönlich sind. Aber diese Feier war etwas komplett anderes, sie hatte mein Herz berührt.

Ähnlich schön wurde der Gottesdienst anläßlich des Palmsonntag gestaltet. Er begann im Klostergarten bei strahlend blauem Himmel, mit Querflötenspiel von Schwester Ursula und wieder unter der Führung von Bruder Remigi. Alles war heiter und einfach unbeschreiblich schön. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt.

Anschließend öffnete sich die Klosterpforte für die Kirchengemeinde, die ins Kloster eingeladen wurde bei Wein und Knabbereien sich auszutauschen. Bruder Adrian begrüßte jeden einzelnen Besucher per Handschlag.

Die vielen lauten Menschen waren aber auf einmal etwas fremd für mich.

 

Die Stimmung in der kleinen Gemeinschaft (3 Schwestern, 8 Brüder, 2 Gäste), in der ich eine Woche leben durfte war stets gelöst, heiter, unkompliziert und auch lustig, aber es war nie laut, hektisch, gereizt etc.

Das bedeutete für mich, dass ich die gesuchte Ruhe, Stille und Aufmerksamkeit wirklich erfahren habe.

 

Klar war immer, nach einer Woche geht es wieder zurück ins „irdische“ Dasein (würde ich fast sagen wollen, denn es war gefühlt wie im Himmel). Beim letzten Abendgebet sprach Schwester Rosmarie sehr schöne Gedanken aus, resümierte die vergangene Woche mit den Gästen, um uns auf den Abschied vorzubereiten und wieder in Richtung Aufgaben und persönliche Lebensumstände zu lenken. Dann durften wir beide auch noch etwas zu der zurückliegenden Tagen sagen. Ich war total überfordert. Die Wärme, Güte, Liebe, Aufmerksamkeit … ich kann es heute noch nicht richtig beschreiben… haben mich so sehr überwältigt und gerührt, dass ich außer einem „Danke“ nichts über meine Lippen brachte und alle meine Kräfte benötigte, um die Tränen und vor allem ein Schluchzen zu unterdrücken. Ich habe gehofft, dass ich mich in den darauffolgenden dreißig Minuten Meditation wieder in den Griff bekomme und musste schwer kämpfen. Es war mir ein bisschen peinlich, aber auch wenn die Schwestern und Brüder meinen Gefühlsausbruch mitbekommen haben, werden sie sicher Verständnis dafür haben.

 

Das Mitleben in der Klostergemeinschaft von Rapperswil war eine unvergessliche Erfahrung für mich. Sicher werde ich hier wieder einmal eine Woche verbringen.

Vielen Dank für Alles!

 

Eva Hohmann