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Die-Schanz-in-der-Morgensonne
Die-Schanz-in-der-Morgensonne

Das Kloster zum Mitleben ist für mich ein vertrauter Ort geworden, ein Hafen, in dem ich immer wieder gerne anlege. Die Brüder und Schwestern hier bieten mir vieles, aber vor allem eines: Sie lassen mich spüren, wie wertvoll Rhythmus ist.

Längst muss ich nicht mehr auf den kleinen Stundenplan schauen, den jeder Gast zu Anfang bekommt. Der Wechsel von Arbeit, Gebet und Mahlzeit trägt mich, von Stille und Begegnung, von Einkehr und Austausch, von Morgen, Mittag, Abend und Nacht. Ich darf mich ganz in die Stetigkeit fallen lassen und kann erleben, wie sie Stabilität schafft. So bleibt Platz für etwas Anderes: die Gegenwart. Das, was ist. Jetzt.

Als Gast im Kloster entwickele ich ein so feines Gespür für mich selbst, wie ich es selten erlebe. Ich bemerke besser denn je, was Hunger ist und was Müdigkeit, was Trauer und was Freude. Und entdecke auch darin den Rhythmus: So sicher wie ein Atemzug auf den nächsten folgt, so sicher löst in diesen Tagen eine Stimmung die andere ab, ein Gedanke den nächsten. Das weckt ein tiefes Vertrauen – und Neugier, was da kommen mag. Denn trotz aller Stetigkeit bringt jeder Tag im Kloster Überraschungen: Ein Konzert etwa oder einen Gottesdienst, einen Besucher, der Ungewöhnliches zu berichten hat, ein Lied, das noch lange nachklingt, ein Gespräch, das noch lange nachwirkt.

Doch nichts entfaltet einen solchen Sog wie die Zeiten der Stille im inneren und äußeren Chor der Kirche: Es ist, als würden alle, die im Kloster miteinander leben, die in der Küche arbeiten, an der Pforte empfangen, im Garten jäten, in umliegenden Gemeinden unterwegs sind, dann zusammenkommen, um sich zu versichern, weshalb sie hier sind: um dem Geheimnis der Stille nahe zu kommen. Aufmerksamkeit verlängern, Abschweifen verkürzen, stille Lücken zwischen den lärmenden Gedanken finden.

Und wenn dann, am Mittag, einer der Brüder langsam aufsteht, durch den Raum schreitet, den Glockenstrang zieht und das helle, kräftige Läuten ertönt, ist mir schon oft durch den Kopf gegangen: Das passierte schon vor Jahrhunderten und wird stetig weitergetragen. Und auch ich werde im nächsten Jahr gerne wieder ein paar Tage dazugehören.

Ein jährlicher Gast aus Deutschland

Sonnenuntergang-aus-einem-Gästezimmer-gesehen.

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Zum Jubiläum 25 Jahre „Kloster zum Mitleben“

1991 verwirklichten die Kapuziner in Rapperswil ein offenes Kloster zum Mitleben. Sie erprobten und verwirklichten neue Gebetsformen und öffneten das Kloster auf die Stadt und die Umgebung hin.

Es entstand das offene Kloster zum Mitleben, welches heute unter anderem auch Exerzitien, spirituelles Wandern und Meditationstage sowie geistliche Begleitung anbietet.

Im Rahmen des Jubiläums werden von Februar bis September 2017 unterschiedliche Beiträge von Beteiligten veröffentlicht. …