courtesy
Oase-am-Christchindlimärt
Oase-am-Christchindlimärt

Hab ich’s doch gewusst! Als ich im Frühsommer 2016 zum ersten Mal in der freundlichen Klosterkirche oberhalb des Zürichsee saß und die geistlichen Angebote der Kapuzinergemeinschaft studierte, ahnte ich bereits, dass ich mich hier wohlfühlen würde.

Und da ich als Seelsorger und Theologe gewohnt bin, Gesichter zu lesen, wurde mir beim Betrachten der Portraits der Schwestern und Brüder neben der Klosterpforte deutlich: Hier leben keine weltabgewandten religiösen Sonderlinge, sondern geerdete Christenmenschen, die ihrem Glauben ebenso unspektakulär wie konsequent Gestalt geben.
Genau so habe ich die Gemeinschaft während meines Aufenthaltes von November 1016 Februar 2017 dann auch erlebt. Wie sind die Kapuziner eigentlich so drauf? fragten meine beiden jungen Pfarrkolleginnen in der Reformierten Kirche in Stäfa. Denn sie hatten sich gewundert, dass ausgerechnet ich als ausgewiesener Martin Luther Liebhaber dem Charme eines Klosters zu Beginn meiner Amtszeit in der Schweiz erlegen war. Meine Antwort lautete: Sie sind in angenehmer Weise fromm, aber vor allem gelassen, heiter und offen.

Ja, diese Atmosphäre einer frommen Gelassenheit, Heiterkeit und Offenheit machen das Kapuzinerkloster Rapperswil zu einem Ort, an dem ich nicht nur 3 Monate mit gelebt habe, sondern mit Erlaubnis der Brüder und Schwestern auch gerne immer wieder zurückkehren würde.

Die Gelassenheit erlebt jeder Gast schon dadurch, dass er zwar freundlich begrüßt, in die Abläufe eingewiesen und in die Gemeinschaft aufgenommen, aber andererseits nicht künstlich hofiert wird. Die Braut wird nicht geschmückt!“ würde man in der Sprache der Unternehmensberatung sagen. Schon nach zwei Wochen fühlte ich mich daher eigentlich nicht mehr als Gast, sondern eher als Familienmitglied. Dabei erwies sich der Rhythmus von stets wiederkehrenden Abläufen und heiligen Unterbrechungen als äußerst wirksame Integrationshilfe. Ich genoss die gemeinsamen Meditationszeiten als Oasen vielsagenden Schweigens und das alltägliche Zusammenwirken als Musterbeispiel begabungsorientierter Rollenverteilung. Wie gut und weise z.B., dass Guardian Adrian vom Heiligen Geist geleitet nicht auf die Idee kam, mich für den Kochdienst einzuteilen. Es hätte unweigerlich zu einer Katastrophe für die ganze Klostergemeinschaft geführt! Stattdessen durfte ich die Küche ausschließlich zum Abtrocknen betreten, das Untergeschoß putzen und hin und wieder den Pfortendienst versehen zum Segen aller und zu meiner eigenen Erbauung.

Als charakteristischen Grundzug des klösterlichen Zusammenlebens empfand ich auch eine wohltuende Heiterkeit. Wohlgemerkt: keine Heiterkeit in der Form, dass man sich vor Lachen auf die Schenkel klatscht. Eher das liebevolle Schmunzeln, mit der jeder Gast im Laufe der Zeit die Eigenheiten der einzelnen Brüder und Schwestern registriert. So tauschte ich so manches Mal mit Bruder Patrick vielsagende Blicke aus, wenn Bruder Hans das liturgische Glockenläuten zu einer kunstvoll gestalteten Seilperformance ausbaute. Ebenfalls Grund zum harmlosen Amüsement ergab sich oft beim Gespräch in den Pausen oder beim abendlichen Zusammensein. Etwa, wenn die Brüder darüber spekulierten, ob bei der Beziehungsanbahnung für noch ledige praktizierende Katholiken das Internetforum Parship“ dem Konkurrenzanbieter Elitepartner vorzuziehen sei. Da zeigte sich der lutherische Gast durchaus erstaunt über die zweifellos vorhandene Sachkenntnis der Kapuziner. Wer also noch glaubt, priesterliche Berufung und Humor würden sich ausschließen,  kann sich im Kloster Rapperswil eines Besseren belehren lassen.

Schließlich noch ein Wort zur Offenheit. Mich hat es sehr berührt, mit welcher Selbstverständlichkeit ich als reformierter Pfarrer mit methodistisch-anglikanischem Doktortitel, lutherischem Herzen und katholischen Wurzeln in die kapuzinische Gemeinschaft aufgenommen worden bin. Und nicht nur das: als Normalbürger“ neigen wir manchmal dazu, Ordensleute zu einer Art geistlicher Gurus hoch zu stilisieren, denen wir mit einer Mischung aus Bewunderung und Befremden begegnen. Damit schaffen wir aber zwischen ihnen und uns eine Distanz, die letztlich auch dazu dient, uns das vom Leib zu halten, wofür die Kapuziner stehen: eine moderne und aufrichtige Form der Nachfolge Jesu. Ich kann diese Distanz nach 3 Monaten im Kloster Rapperswil nicht mehr aufrecht erhalten. Denn ich habe die Schwestern und Brüder nach ungezählten Gesprächen in keinster Weise als Gurus erlebt. Vielmehr habe ich sie als Menschen kennen gelernt, die genau wie ich selbst tastend und fragend nach Gottes Willen für ihr Leben fragen und dabei zuweilen auch Antworten finden. Das verbindet zutiefst, und darum bin ich überaus dankbar für die gemeinsame Zeit.

Pace e bene

Euer

Michael Stollwerk

als evangelischer Langzeitgast in der Klostergemeinschaft Rapperswil

 

Zum Jubiläum 25 Jahre „Kloster zum Mitleben“

1991 verwirklichten die Kapuziner in Rapperswil ein offenes Kloster zum Mitleben. Sie erprobten und verwirklichten neue Gebetsformen und öffneten das Kloster auf die Stadt und die Umgebung hin.

Es entstand das offene Kloster zum Mitleben, welches heute unter anderem auch Exerzitien, spirituelles Wandern und Meditationstage sowie geistliche Begleitung anbietet.

Im Rahmen des Jubiläums werden von Februar bis September 2017 unterschiedliche Beiträge von Beteiligten veröffentlicht. …