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Von Kürbis, Kreuz und Kerzen - Mosaik
Von Kürbis, Kreuz und Kerzen - Mosaik

Draussen war minus 14 Grad, als ich kam. Mich fror in den langen Gängen und im inneren Chor. Ich suchte Ruhe und Rückzug. Und fand eine kunterbunte Gemeinschaft.

Neun Brüder, eine Schwester und viele Freiwillige. Individuen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Zusammen bildeten sie ein Mosaik, bunt, strahlend, schillernd bisweilen, mit runden und kantigen Formen.

Vom einen lernte ich, die Hemden der einzelnen Brüder richtig zusammenzulegen, vom anderen, beim Jäten immer auch die Erde zu lockern. Ein Bruder sang mit mir Lieder von Huub Oosterhuis, eine Schwester lehrte mich meditieren. Ich schnitt in der Fastenzeit Sterne für Weihnachtskarten aus und klebte orange Tau-Zeichen auf Kerzen.

Ich führte Gespräche, nicht nur mit meiner Bezugsperson. Gespräche im Garten, über den Kürbis etwa, der sich seinen ganz eigenen Weg über den Komposthaufen bahnte. Gespräche über Gott. Über das Kreuz mit seinen vier Balken, dessen Mitte es zwischen rechts und links, oben und unten immer wieder zu finden gilt.

Da war ein aufmerksamer Guardian, der sprachliche und musikalische Talente erkannte und ungeniert einsetzte. Und der auf diese Weise dazu beitrug, dass ich selber mehr und mehr Teil dieser Gemeinschaft wurde. Indem ich Verantwortung übernahm, für das Frühstück, für das Triebbeet.

Ich lernte, einer Messe ohne innere Rebellion beizuwohnen, einfach, weil sie dazugehörte. Ich lernte, die Eucharistie zu schätzen. Nicht um ihrer Heiligkeit willen, sondern weil sie mich mit anderen Menschen verband, die dasselbe feierten, weltweit.

Ich war berührt von Gebeten und Predigten, die mir etwas sagten, und weil der, der sie sprach, authentisch war. Ich hörte Predigten und Gebeten zu, selbst wenn sie mich nicht berührten, weil ich den, der sie sprach, liebgewonnen hatte. Weil ich das tägliche Brot mit ihm, mit ihr teilte.

Ich liebte die Stille und den Rhythmus. Die Freiheit, für einmal nichts entscheiden zu müssen. Sich fallen zu lassen und getragen zu sein. Über Gott und die Welt reden und ebenso schweigen zu können. Existenzielle Fragen stellen und beim Abwaschen schäkern zu dürfen. Und über einem Glas Wein dem Ernst des Lebens ein Schnippchen zu schlagen.

Ich lernte Brüder und Schwester in ihrer Einzigartigkeit kennen. Ich genoss ihre je so verschiedene Art und bewunderte ihre Fähigkeit, miteinander zu leben. Ebenso ihre Ausdauer, immer wieder neue Gäste zu begrüssen.

Es war ein Mikrokosmos, in dem sich der ganze Reichtum von Gottes Schöpfung widerspiegelte. So üppig, wie der Garten sich bei meinem Abschied präsentierte: Die Tulpen blühten, die Sonnenblumen sprossen, die Tomaten waren gesetzt und der Schnittlauch vom Unkraut befreit.

Wann immer ich wiederkomme, finde ich diesen Reichtum erneut. Jedes Mal anders, aber immer bodenständig, bunt und lebensfroh.

Sylvia Stam, Langzeitgast vom 5. Februar bis 15. April 2012

 

Zum Jubiläum 25 Jahre „Kloster zum Mitleben“

1991 verwirklichten die Kapuziner in Rapperswil ein offenes Kloster zum Mitleben. Sie erprobten und verwirklichten neue Gebetsformen und öffneten das Kloster auf die Stadt und die Umgebung hin.

Es entstand das offene Kloster zum Mitleben, welches heute unter anderem auch Exerzitien, spirituelles Wandern und Meditationstage sowie geistliche Begleitung anbietet.

Im Rahmen des Jubiläums werden von Februar bis September 2017 unterschiedliche Beiträge von Beteiligten veröffentlicht. …