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Michael Stollwerk: Erfüllung in Zeit und Ewigkeit
Michael Stollwerk: Erfüllung in Zeit und Ewigkeit

Im Kloster zum Mitleben am Kapuzinerzipfel in Rapperswil wird jeweils um den 4. Oktober Franz von Assisi gefeiert. Sowohl die Menzingerschwestern wie auch die Kapuzinerbrüder lassen sich gerne von diesem Heiligen inspirieren. Im 2019 war der reformierte Pfarrer Michael Stollwerk Festprediger. Ihm einen herzlichen Dank für die Inspiration. Predigt zu Lukas 18,28-30.

Liebe Schwestern und Brüder,

manchmal frag ich mich, ob sogar Heilige wie Franziskus manchmal auch Zweifel an der Richtigkeit ihres Weges überfallen hat. Sein Weg, wie der Weg aller Ordensleute bis heute, ist ja der einer totalen Hingabe an Jesus Christus. Und es ist bekanntlich eine Sache, sich als junger Mensch für einen bestimmten Weg zu entscheiden, und es ist etwas völlig anderes, diesen Weg auch durchzuhalten.

Vielleicht haben Sie sich sogar selbst schon einmal gefragt: Lohnt es sich eigentlich noch, hier und heute in unserer Zeit engagiert Christ, engagiert Katholik zu sein? Wo uns doch der Wind von allen Seiten entgegen weht?

Die gute Nachricht lautet: Wir sind mit dieser Frage nicht allein. Bereits die Jünger Jesu haben sie sich gestellt und zwar direkt im Anschluss an die berühmte Geschichte vom reichen Jüngling in Lukas 18. Dieser junge Mann geht nach seinem Gespräch mit Jesus bekanntlich schweigend fort. Und das schafft Unsicherheit auch im Kreis der Jünger, so wie es vielleicht auch unter Ordensleuten Unsicherheit schafft, wenn die Reihen der Brüder und Schwersten sich mehr und mehr lichten.

In dieser Situation sagt Petrus sinngemäss in Lukas 18, 28: „Herr, wir haben getan, was Du von uns erwartest. Wir haben alles auf Dich gesetzt. Aber lohnt sich das jetzt auch wirklich? Bitte sag uns etwas dazu!“

Die Antwort Jesu ist eine Art „Gewinnprognose:“

Lukas 18, 29-30

Wahrlich ich sage Euch. Es ist niemand hier, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der  es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben. (Übersetzung nach Martin Luther)

Das Erstaunliche ist für mich zunächst mal, das Jesus sagt: „Ihr habt ein Recht so zu fragen!“

Er fährt seine Jünger nicht an: „Wie könnt Ihr Euch erdreisten, eine solche Frage zu stellen?

Könnt Ihr nicht einmal an etwas Anderes denken als das, was für Euch herausspringt.

Müsst Ihr immer fragen: Was bringt mir das?“

Nein Jesus bringt durch seine Antwort zum Ausdruck: „Ihr habt ein Recht so zu fragen, denn schließlich ist ja auch der Einsatz, den Ihr leistet, unglaublich hoch!“

 

Liebe Gemeinde: Wer meint, in der Nachfolge Jesu, gehe es nur um einen Schuss Religiosität, um eine Art „spirituelles Sahnehäubchen“ auf einen bereits fertig gebackenen Apfelstrudel, der ist schief gewickelt. Das war zu Zeiten eines Franziskus nicht so, und das ist heutzutage erst recht nicht so. Im Glauben an Christus geht es um alles, was ich hab und bin! Nicht nur für Ordensleute, nicht nur für die Brüder und Schwester hier im Kloster Rapperswil, sondern auch für Dich und für mich.

Daher zeigt Jesus vollstes Verständnis für seine Jünger: „Ihr habt ein Recht, nach dem Gewinn zu fragen, denn die Investition ist wirklich hoch.

Seine Antwort kleidet er in eine Art „Gewinnprognose“: Es ist keiner, der etwas in das Reich Gottes investiert, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“

Schauen wir uns diese Zusage Jesu einmal etwas näher an.

Für mich beinhaltet sie 2 Aspekte:

 

  1. Lebensqualität im Hier und Jetzt

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde es immer wieder spannend zu beobachten, wie das, worauf Menschen ihr Leben bauen, dieses Leben auch prägt.

Jemand kann mir schliesslich viel erzählen, aber letztlich zählt für mich das, was ich sehe, stärker als das, was ich höre. Und so bin ich  im Laufe meines Lebens immer wieder Christen begegnet, bei denen ich das Gefühl hatte: Von denen geht atmosphärisch tatsächlich etwas aus! Diese Menschen waren beileibe nicht perfekt, die hatten teilweise sogar ganz schön heftige Macken. Aber trotzdem: die hatten was.

Und das geht mir bis heute so. Ich denke da z.B. an einige Senioren in meiner Kirchgemeinde in Stäfa, die strahlen eine Ruhe und Gelassenheit aus, die ist einfach beneidenswert. Gelassenheit des Glaubens!

Oder ich denke an Menschen wie unsere Sozialdiakonin, die überhaupt keine Angst zu haben scheinen, zu kurz zu kommen. Und das Erstaunliche ist: weil sie keine Angst davor haben, zu kurz zu kommen, kommen sie auch nicht zu kurz.

Derartige Menschen beeindrucken mich immer wieder. Vor allem, weil sie sich deutlich abheben von vielen anderen Zeitgenossen, die im ständigen Kreisen um sich selbst aufgehen.

Solche Geschwister im Glauben beeindrucken mich, weil Christus in ihnen ganz offensichtlich lebendig ist und Gott durch seinen Geist wirkt.- Vielleicht nicht so spektakulär wie etwa im Leben eines Franziskus, eines Dietrich Bonhoeffer oder eines Frère Roger.
Aber das muss ja auch gar nicht unbedingt so spektakulär sein! Ich frage mich ohnehin zunehmend, wieso wir heutzutage immer so einen seltsamen Hang zum Spektakulären haben – auch in religiöser Hinsicht. Oder warum wir zu den Heiligen, den vielen kleinen und großen Vorbilder des Glaubens immer nur ehrfurchtsvoll emporschauen – anstatt schlicht ihrem Beispiel zu folgen?

Um es an einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen: Ich habe zu Beginn meiner Tätigkeit als Pfarrer in Stäfa 4 Monate lang hier im Kloster Rapperswil mit den Brüdern und Schwestern gelebt. Meine Wohnung war noch nicht fertig und die Brüder haben sich freundlicherweise meiner erbarmt.

Von dieser Erfahrung des Zusammenlebens mit den Kapuzinern weiss ich: Nichts liegt einem Bruder Adrian, Bruder Patrick oder auch Schwester Ursula so fern, als selbst zu einem Gegenstand der Verehrung oder Anbetung zu werden. Stattdessen möchten sie schlicht einladen: zu einem Leben aus der Stille heraus in der Kraft des Glaubens. So habe ich es jedenfalls immer verstanden.

Und darum gibt es, Gott sei Dank, auch keinen Kult um die Kapuziner und es wurde auch noch kein Geschirr von Gästen als „Reliquien“ entwendet, um es hinterher den Freunden und Verwandten daheim zu zeigen:  „Seht her, Aus diesem Becherchen hat Bruder Adrian getrunken, von diesem Tellerchen hat Schwester Rosmarie gegessen.“

Nein, so etwas lag einem Franziskus und liegt auch den Kapuzinern heute fern. Denn es geht um konsequente Nachfolge für uns alle! In unser aller Leben will Christus durch seinen Geist bereichernd zu Zuge kommen.

Darum wäre es doch schön, wenn es etwa eines Tages von uns heißt: „Ja, der Bernhard hat mich immer durch seine Fröhlichkeit angesteckt.“ Oder: „Die Edith hat mich durch ihre Bescheidenheit beeindruckt.“ Oder: „Das Ehepaar G. hat mich durch ihre unaufdringliche Art ihr Christsein zu leben auf den Glauben neugierig gemacht.“

„Es ist niemand, der in das Reich Gottes investiert, und es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“ sagt Christus

 

Also: Christsein lohnt sich. Und das zeigt sich schon im Hier und Jetzt durch eine unverwechselbare Lebensqualität und Ausstrahlung, die Menschen in der Nachfolge Jesu durch den Glauben geschenkt wird. – Wobei man sich selbst über diese Ausstrahlung meist gar nicht bewusst wird. Gott sei Dank! – denn das hält bescheiden und bewahrt vor Hochmut.

 

Der Glaube schenkt aber noch mehr.

 

  1. Erfüllung in Zeit und Ewigkeit

Ich muss Ihnen sagen: Lange Zeit habe ich mit der Zusage des ewigen Lebens nicht viel anfangen können. Und vielleicht geht es manchem unter Ihnen genauso.

Lange Zeit dachte ich wie die meisten unserer Zeitgenossen: Was interessiert mich die Ewigkeit, der St. Nimmerleinstag?

Es reicht mir, wenn jetzt die Post abgeht. Es reicht mir, wenn ich jetzt spüre, dass ich lebe und zwar in möglichst jeglicher Hinsicht:
– Wenn ich möglichst viel von dieser wunderschönen Welt entdecken kann
– Wenn ich gute Freunde habe

– Wenn ich eine Aufgabe habe, die mich erfüllt

– Wenn ich all das habe, wenn ich glücklich bin – Was brauche ich da noch die Ewigkeit?

 

Aber soll ich Ihnen etwas sagen? Meine Erfahrung ist: Gerade wenn man das alles hat, dann entwickelt man eine unglaublich große Sehnsucht nach der Ewigkeit.
Denn man stellt  inmitten seines Glücks plötzlich fest: Diese Welt gibt nicht genug!

Und damit meine ich jetzt nicht, dass man seines Glücks vielleicht irgendwie überdrüssig werden könnte. Nein, ich meine damit, dass man dieses Glück eben nicht festhalten kann!

Und genau das möchte man ja, wenn man glücklich ist: „Verweile doch, Augenblick, denn Du bist so schön!“ (Goethe)

Friedrich Nitzsche hat dieses Gefühl einmal in einem kurzen Gedicht zum Ausdruck gebracht: „Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

aus: Also sprach Zarathustra (1883-1891).

Diese Welt gibt nicht genug – weil ihr der Ewigkeitscharakter fehlt. Und das spürt man oft gerade dann am deutlichsten, wenn man am glücklichsten ist.

An dieser Stelle ist es Zeit für ein persönliches Geständnis: Vor Ihnen steht und predigt ein zutiefst glücklicher Mensch.

Ich habe eine wunderbare Tochter.  Sie ist inzwischen 19 Jahre und macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr in Berlin. Nach einer anstrengenden Phase der Pubertät ist der Papa für sie inzwischen wieder ein wichtiges Vorbild und Orientierungspunkt. Es gibt nichts Wunderbareres als die Liebe und Achtung seiner Kinder. Darum bin ich glücklich.

Ich bin auch bei mir selbst privat wieder angekommen, nachdem ich das Scheitern meiner Ehe lange Jahre betrauert habe. Es war schmerzhaft, verletzend, aber auch heilend.

Beruflich kann ich sagen: Es geht mir hier als Deutscher in der Schweiz unglaublich gut!

Ich kann als reformierter Pfarrer tun, was ich will. Ich kann sagen, was ich will. Und werde dafür noch gut bezahlt. Was will ich mehr?

Ich bin gesund – und ich habe noch Visionen: So träume ich davon, dass wir in Stäfa ein klein wenig die Reformierte Kirche „rocken“ – und die Leute immer häufiger Freude an Glaubenskursen und am Gottesdienst finden. „I have a dream!“ – und er nimmt ansatzweise bereits Gestalt an.

Zusammengefasst: Es ist alles da, was es für mich zum Leben braucht. Ich darf von mir sagen. Ich bin ein rundherum glücklicher Mensch. Aber genau deshalb brauche ich die Ewigkeit!!!

Denn ich weiß: Irgendwann einmal ist dies alles vorbei! Es handelt sich alles nur um eine Momentaufnahme. Aber loslassen kann ich nur lernen, wenn ich weiss: „The best is yet to come!“ Das Beste kommt erst noch. Darum gilt für mich: „Diese Welt gibt nicht genug.“

Aber sie braucht es auch nicht. Ich muss mich an nichts klammern, denn Christus sagt:

Es ist niemand, der in mich investiert, und es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

 

Liebe Schwestern und Brüder: Der Glaube ist die Einladung zu einer großen Investition.

Es geht um unsere Hingabe. Es geht um die Hingabe unseres ganzen Lebens an Christus

Aber um ein Vielfaches größer ist die Dividende, ist das, was es in der Nachfolge Jesu zu gewinnen gibt:

– eine unvergleichliche Lebensqualität im Hier und Jetzt

– die Erfüllung in Zeit und Ewigkeit.

 

Franziskus hat um diese Zusammenhänge gewusst. Darum war es ihm ein Leichtes, sich Christus anzuvertrauen. Wir sind eingeladen, es ihm gleichzutun.

Und der Friede Gotte, der all unsere Vorstellungskräfte überragt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn und Heiland.

 

Amen